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Interzonenzug

Hallo liebe Eisenbahnfreunde,

 

heute melde ich mich zurück, um zu berichten über einen Interzonenzug, der von den Dispatchern besonders überwacht wurde.

Die Überwachung erstreckte sich nicht nur in der Logistik, nein, auch im Zug hatte der Zoll und die Transportpolizei das sagen und überprüfte von Fall zu Fall die Reisenden wegen mitführen von A: Schundliteratur (Romanhefte etc:) und B: von Waren, Westgeld, die vom „Klassenfeind“ kamen. Meine Frau hatte 1954 für einige Jahre bei ihrem Onkel, der in Oberfranken wohnte, die sog. Hauswirtschaftsschule besucht. Selbst ihr wurden Romanhefte und Westgeld abgenommen, ohne
dass es ein Schriftstück dafür gab. War ja noch junges Mädel. 

Aus dem jungen Mädel von damals, ist eine stattliche Ehefrau geworden. Hier Anlässlich meines 30 jährigen
Dienstjubiläums 1984. Ein Tänzchen zu ehren kann ich nicht verwehren.

Und wie lernt ein Eisenbahner seine Ehefrau kennen? Zuerst war nur ein Blickkontakt von mir zu ihr. Sie fuhr ab und zu mit ihrem Fahrrad durch die Straße, in der ich wohnte. Herrlich, wie der Rock so wehte und ab und zu blitzte der zweite Rock hervor. Noch dachte ich mir nichts dabei. Eines Samstag Abends, mein Bruder und ich gingen zum Tanz in den „Leipziger Garten“, der einen Saal und auch eine Nachtbar hatte, war dort schon ein ziemliches Gewühl.

Und was sehen meine blauen Augen? Sie war auch da. Na erst mal paar Schnäpse für Mut den antrinken und dann ran an die Frau. Hat geklappt, wir tanzten zusammen und tranken dieses oder jene Getränk.
Etwas später durfte ich sie nach Hause begleiten.

Zurück zum Bericht.

Tja, es gab nun mal die DDR, oder wie ihr früher gesagt habt, die Ostzone, in der noch lange Jahre die Dampflok einen bedeutenden Anteil in der Zugförderung hatte.

In dieser Zeit verkehrten sogenannte Interzonenzüge, so u.a. auch von Frankfurt am Main nach Frankfurt (Oder) und zurück mit einem Zugpaar täglich. Abends kam er in Frankfurt(Oder) an, um am nächsten Tag vormittags wieder zurück zu fahren. Seine Wegstrecke ist im östlichen Deutschland, so mir bekannt ist, über Bebra, Erfurt, Leipzig, Cottbus, Guben nach Frankfurt (Oder) festgelegt worden.

Er setzte sich zusammen aus 10 silbergrauen Reisezugwagen und einem Mitropa-Speisewagen.

©DB AG/Andreas Mann

Im Mitropa Speisewagen wurden von genervten Kellnern lauwarme Speisen gegen harte Westwährung serviert.

Die Personenwagen waren meist Silberlinge oder gelegentlich Abteilwagen.
Seine Höchstgeschwindigkeit war auf 140 km/h ausgelegt, eine Edelstahlaußenhaut und hatte unter den Fenstern das Pfauenaugenmuster. Bremse: KE-GPR-A.

Für die Bespannung dieses Zuges wurde in der ersten Zeit, bis etwa Mitte der 70 er Jahre, die gute alte BR 03 vorgehalten. So hatten die Kollegen vom Bw Cottbus mit ihrer 03 die Aufgabe, diesen Zug nach Frankfurt und zurück zu bringen. Es war eine ausgesprochene Planleistung und fest in den Dienstplänen integriert.

Ich kann es nicht mehr nachvollziehen, warum eines Tages für die Leistung nach Cottbus, die Cottbuser 03 ausgefallen war. Jedenfalls bekam ich vom Lokleiter Willi Pusch den Auftrag, mit Lokführer Horst Scholz (Bubi genannt) als Heizer, diesen Zug mal schnell nach Cottbus zu bringen.

Hach, dachte ich mir, mal wieder schön „dampfern“, sinnte doch schon lange her, auf so einer Lok gefahren zu sein.

So wie diese Lok im Foto zu sehen ist, hatten wir im Bw Pbf auch eine 03 Rekolok, es war

die 03 2133 mit Seitenzugregler, dem Willi Elies seine Planlok.

Na wenn der Lokleiter meint, uns dass beste Zugpferd aus dem Stall geben zu müssen, muss es ja richtig „gebrannt“ haben für die Bespannung des Zuges.

Innerlich war es eine Genugtuung für mich, nicht so einen abgedroschenen „Gaul“ bekommen zu haben.

Also, erst einmal das übliche „Melden“ in der Lokdienstleitung zum bevorstehenden Dienst, dann den nie geliebten Papierkrieg erledigen, Lokschlüssel empfangen und ab zur Lok. Horst Scholz, mein Heizer kam auch schon und freute sich, ob des guten Allgemeinzustandes der Lok. Alles war gut gepflegt.

Horst, genannt Bubi, machte sein Feuer fertig, au Backe, richtige Steinkohle, na das wird ein Spaß werden. Luftpumpe anstellen, auf 5 bar auffüllen und wieder abstellen um das Kondensat ablaufen zu lassen. Anschließend auf 8 bar die Hauptluftbehälter auffüllen und die notwendigen Bremsproben ausführen. Runter vom Bock und das Gewerk mittels Hammer und kleines Brecheisen überprüfen, dabei nicht vergessen, alle zugänglichen Entwässerungsventile und Hähne der luftführenden Teile zu entwässern. An den Bremsventilen der Lok und dem Tender die Bremsart S einstellen.

Da guckt doch tatsächlich der Lokleiter Pusch um die Ecke, ob wir das alles richtig machen. So, Bubi und ich sind fertig. Ein Pfiff mit der Dampfpfeife zum Scheibenwärter und ab auf den Cottbuser Ausfahrtkanal. Bubi muss noch schnell mal den Schlammabscheider bedienen, jetzt geht es als Rangierfahrt an den Zug.

Bubi kuppelt jetzt die Lok mit dem Wagenzug; Heizung muss nicht verbunden werden, wir haben frühlingshafte Temperaturen, und schon erscheint der Wagenmeister für die Bremsprobe des Zuges.

Anlegen, alle Klötze abklopfen, Lösen, alle Klötze prüfen, Bremse in Ordnung.

Na gut, jetzt werde ich mal die Zylinder vorwärmen, hinterher ist wenig Zeit dazu, der Interzonenzug hat eine verdammt kurze Fahrzeit bis Cottbus.

Dazu gehe ich mit Steuerung auf Mitte, öffne den Regler und fülle 5 bar auf die Zylinder. Jetzt mit der Steuerung den Dampf einmal nach vorn befördern und dann wieder nach hinten, so das beide Zylinderseiten gut vorgewärmt werden können. Dabei muss ich die Zylinderentwässerungsventile öffnen, um das Kondensat rauszulassen. Macht ja fürchterlichen Krach, hilft aber nichts, was sein muss, muss sein.

Stehen doch tatsächlich so paar unreife Gören zu nahe an der Lok um zu Gucken, na, Bubi hat sie schon „Dampf“ gemacht. Auch sein Feuer hat er in der Feuerbüchse in Ordnung gebracht und wir warten auf die Abfahrt.

Ich sehe auf meine Uhr, Abfahrtzeit rückt ran und schon sehe ich den Fdl das Ausfahrsignal auf

 „Fahrt frei“ stellen. Schon gibt die Aufsicht das Abfahrtsignal.

Jetzt geht`s los: Regler auf, das heißt, ich habe hier und heute eine Rekolok, die einen Seitenzugregler hat, muss also den Reglerhebel nach vorn schieben und schon strömt der Dampf in die Zylinder. Die Hähne schließe ich, die Lok reißt unseren Zug mit 10 bar Schieberkastendruck vorwärts. Jetzt die Steuerung nicht zu zeitig einziehen, denn die großen Achsen mit 2m Durchmesser müssen erst einmal in eine bestimmte Geschwindigkeit gebracht werden. Gleich nach der Ausfahrt, die Lok donnert mit 4re lang ihr Auspuffgeräusch, geht es leicht bergab und ich kann schon auf 100 km/h beschleunigen. Jetzt wird die Steuerung auf 3 Zehntel eingelegt und der Schieberkastendruck auf 14 bar erhöht, das Fernthermometer für den Heißdampf zeigt mir 450°, also alles im grünen Bereich.

Jetzt muss Bubi wieder Kohle nachlegen, ich unterstütze ihn dabei, indem ich die Feuertür öffne, ihn schippen lasse, die Tür wieder schließen bis zum nächsten Wurf. Warum? Es kommt immer ein gewaltiger Schwall kalte Luft in die Feuerkiste, das ist für Hitzeentwicklung nicht gut.

Also fröhlich weiter „klappen“.

Bahnhof Finkenheerd ist durch und 120 Sachen liegen an. Der nächste Planhalt ist Eisenhüttenstadt. Von Frankfurt bis Hüttenstadt ist eine Fahrzeit von 15 min vorgesehen.

Gleich hinter Wiesenau, in Augenhöhe mit den Hochöfen des Stahlwerkes, nicke ich dem Bubi zu, das ich den Regler schließen werde. Er versteht und öffnet etwas den Hilfsbläser.

Regler zu, Steuerung voll auslegen und anschließend auf 10% der Füllung wieder einziehen, hier arbeiten die Troffimow Schieber als Druckausgleicher am effektivsten. Jetzt kommt zum erstenmal die Bremse zum Einsatz, 0,5 bar aus der Hauptluftleitung ablassen, bin das so gewöhnt, aber was ist das, der Zug bremst wie ein Gott, Herrschaften, so was habe ich noch nie erlebt. Nur nicht jetzt noch einen Fehler machen, schön die Bahnsteigkante abfassen und mit noch 60 km/h den Zug zum Halten bringen.

Puu, geschafft.

Bubi ist schon wieder mit dem Feuer voll in Aktion und weiter geht’s. Jetzt noch mal 15 min kürzeste Fahrzeit und wir sind in Guben.

Die Ausfahrt aus „Hütte“ (so nannten wir <Eisenhüttenstadt>), führt geradewegs durch den relativ langen Rangierbahnhof mit leichter Neigung zu den Brücken der Schleuse des Oder/Spreekanals.

Hier donnern wir schon mit fast 100 Sachen drüber weg unter stetiger Erhöhung der Geschwindigkeit.Dahinter muss Bubi wieder Schaufeln was das Zeug hält. Also wieder „klappen“.

Die Einfahrt in Guben (zu Ostzeiten „Wilhelm-Pieck-Stadt-Guben, nach den ersten Präsidenten der DDR benannt, später zurück gekoppelt) liegt in einer Ebene mit 0‰. Es kann eine Bilderbuchanfahrt stattfinden. Und sie findet statt. Der lange Bahnsteig gestattet eine Anfahrt mit 80 km/h ab Bahnsteigkante. Na siehste, wir sind im „Plan“. Dieses Mal bin ich mit dem Bremsen vorsichtiger gewesen. Hier in Guben war ein Aufenthalt von 3 min vorgesehen. Aufsicht gibt das Abfahrtsignal und wir können. Im Feuer ist alles klaro, Wasser im Kessel auf halbvoll, Kesseldruck knapp vor 16 bar, wie im Märchen.

Regler auf, doch was geht hier so leicht?

Der Reglerhebel fliegt fast von selbst nach vorn, aber Dampf auf die Zylinder gibt es nicht. Mehrmals bewege ich den Regler vor und zurück, kein Dampf, der Regler lässt sich nicht öffnen. Ach du heilige Sch…ße. Bubi wird auch schon aufmerksam. Was tun? Ich begebe mich auf den Kesselumlauf, um die Reglerstange zu begutachten. Alles in Ordnung. Jetzt meldet sich auch noch „Ackermann“ und bläst kräftig ab. Die Aufsicht kommt zur Lok, und meint, ihr könnt fahren, Dampf hast du ja genug. Ja, sagte ich, aber der Weg des Dampfes zu den Zylindern ist aus technischen Gründen für heute nicht mehr machbar. Der hat doch tatsächlich gedacht, ich würde ihn verscheißern.

Ich begab mich ans Telefon, um den Fahrdienstleiter über mein Missgeschick zu informieren, ehe er das „gefressen“ hatte, das die Lage tatsächlich ernst war, vergingen Minuten. Endlich kapierte man in Guben was hier geschah. Na ja, die „Hutmacher“ waren noch nie schnell im Kopf, dafür oben drauf.

(Vor dem zweiten Krieg, war in Guben tatsächlich eine Hutindustrie angesiedelt)

Der Messingsplint, der den Verbindungsbolzen sichern soll, war abgeschert, oder aus anderen Gründen nicht mehr im Bolzen. Dadurch hatte der Bolzen, der Reglerwelle mit der Zugstange verbindet keinen Halt mehr und hatte sich ebenfalls in den Kessel verabschiedet. Fazit, der Regler konnte über die Zugstange nicht mehr geöffnet werden.

Ich malte mir aus, was passiert wäre, wenn der Regler sich nicht hätte schließen können, also voller Druck auf die Zylinder? Der Fahrdienstleiter ließ einen wartenden Güterzug, bespannt mit einer BR 120 (Russendiesel) abspannen, uns abstellen lassen und die 120er den Interzonenzug bespannen und Abfahren lassen. Nach Stunden war eine Leerlok, die nach Frankfurt unterwegs war, zur Stelle, um uns abzuschleppen.

Zu Hause war mein erster Gang zuerst zum Werkstattleiter und erzählte von meinem Schaden.

Denkt ihr liebe Fans, dass der mir Glauben schenken wollte? Nee, mitnichten. Er meint so etwas kommt mal alle JAHRZEHNTE vor, aber nicht bei ihm.

Nach Überredung kam er mit zur 03 und prüfte selber das, was ich ihm erzählt habe. Jetzt erst sah er ein, dass ich Recht hatte. Die Lok musste kalt gestellt werden, d.h. es durfte kein Überdruck und kein heißes Wasser im Kessel sein. Erst dann konnte über den geöffneten Dampfdom, am Regler die Reparatur durchgeführt werden.

Von einer Strafe hatte die Dienststellenleitung abgesehen.

Ja liebe Eisenbahnfans, man sollte niemals „nie“ sagen, oder, nicht mit mir, technische Unzulänglichkeiten sind, und da bin mir sicher, auch bei der DB passiert.

Für dieses Mal verabschiede ich mich, grüße Sie alle herzlich

Ihr Lokführer a.D. Heinz-D.Priewisch

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