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Tokio, eine der grössten Metropolen der Welt. Ein Erlebnis der besonderen Art ist eine Fahrt in der U-Bahn von Tokio. Wohl kein anderes Verkehrsmittel bietet in Japan die Möglichkeit die Menschen der Stadt auf engen Raum zu erleben. In diesem Kosmos trifft man auf nahezu alles, was man mit der Metropole Tokio verbindet – Tradition und Moderne in allen Formen und Lebensbereichen, die asiatische Kultur eng verwoben mit den modernsten technischen Errungenschaften. Von der Dame im aufwendigen Kimono und mit traditionellem Geisha-Make-up bis zu geschäftigen Businessmenschen, die sich die neusten Smartphones - frisch aus dem Handyfinder - ans Ohr halten. In der U-Bahn von Tokio trifft man alles und jeden; auch die jungen Leute, die sich den neuesten Trends der westlichen Welt entsprechend kleiden: Nails in grellen Farben und aufwendige Frisuren, ausgefallene Klamotten und interessante Accessoires. In Tokio fällt nichts auf, weil die Stadt von den tausend Gesichtern, den Farben und der Schnelligkeit der Eindrücke lebt. Bevor man die Menschen in der U-Bahn wahrnehmen konnte, haben sie sich an der nächsten Station schon wieder aus der überfüllten Bahn geschoben und sind ihres Weges gezogen. Zurück bleiben die vielen Formen, Figuren und Frisuren.
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Im Labyrinth von Tokio
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Lesen Sie hier in diesem Bericht von Bernhard Schmidt mit Fotos von Karl Johaentges
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Sie wollten sich schon immer einmal wie eine Sardine fühlen? Dann gibt es keine bessere Möglichkeit dazu als werktags gegen acht Uhr morgens in Tokio auf der Chuo Une nach Shinjuku. Beim Bremsen ist vorne im Wagen der ideale Platz. Dann quetschen mich ein paar hundert Leiber an die Stirnwand, bis ich rot anlaufe. Beim Beschleunigen weitet sich der Raum, und ich kann atmen und schadenfroh sein -jetzt sind die hinten dran. So pendelt der Druck der Pendler hin und her, und an jeder Station pressen die mit weißen Handschuhen versehenen Verdichter noch ein paar von ihnen von außen in den Waggon. Umfallen? Unmöglich! Tokios Pendler leben mit intensivem Körperkontakt. Einige beherrschen das artistische Pendeln, lesen trotz der Enge die Zeitung oder blättern in einem Mangaheftchen, den kleinen und handlichen japanischen Comics. Mancher schläft im Stehen, andere schreiben eine SMS. Dann ist der Japaner wahrscheinlich eine Japanerin, denn die sind auch in Fernost die Kommunikationsvirtuosen, und sei es eben nur digital.
Im Bahnhof Shinjuku ändert sich alles schlagartig. Hier steigen die meisten aus oder um, der Pendler mutiert von der Sardine zum Hering im Schwarm. Ich werde mit geschwemmt, die Treppe vom Bahnsteig he runter, links ab wie alle dann geradeaus, wie alle. Umzingelt von ein paar tausend adrett gekleideten Büroangestellten ströme ich in irgendeine Hauptrichtung. Nein: Ich werde geströmt. Anhalten ist unmöglich, denn von hinten kommt die Flut. Links und rechts brechen sich die Wellen, und ganz links wogt der gewaltige Strom des Gegenverkehrs. Sauber eingeteilt in Gehspuren mit Richtungspfeilen. Ich weiche sanft nach rechts aus, schaffe drei, vier Körperbreiten, rette mich in den Schutz einer großen Säule. Durchatmen und erst mal umschauen. Da steht eine junge Frau, die aufgeregt ins Handy spricht, auf der anderen Seite der Säule noch eine, ebenfalls mit Handy. Dann gehen beide um die Säule herum, schauen sich an und biegen sich vor Lachen. Sie hatten sich hier verabredet. Das nächste Mai sollten sie besser auch die Seite der Säule ausmachen. Shinjuku ist der denkbar ungeeignetste Ort zum Verabreden.
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Die Deutsche Bahn transportiert täglich im Schnitt 4,5 Millionen Menschen durchs Bundesgebiet — durch Shinjuku Station allein fluten jeden Tag 3,4 Millionen. Durch einen einzigen Bahnhof! Wie soll man hier jemanden finden? Shinjuku ist die verkehrsreichste Station der Welt, und in puncto Unübersichtlichkeit dürfte sie ebenfalls unübertroffen sein.
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Fahrgastverdichter! Angestellte mit weißen Handschuhen schieben die Fahrgäste in die Wagen.
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Dabei habe ich sie bei meinem ersten Besuch fast übersehen. Nicht, weil der Bahnhof so klein wäre - er ist nur ziemlich unsichtbar. In Japan halten die Züge meist nicht wie in anderen Ländern stolz in kathedralenartigen Meisterwerken der Baukunst. Sie schleichen sich eher verschämt unterirdisch an, im Hinterhof von Einkaufszentren etwa. So ist auch die Shinjuku Station von Kaufgelegenheiten umzingelt, den Warenhäusern Odakyu, Lumine, My City und Keio, und gleich daneben steht der Takashimaya-Solitär, eines der größten Kaufhäuser Japans. Und das will was heißen. Es ist riesig. Mit Tokios größtem Buchladen, mit IMAX-Kino und Freizeiteinrichtungen.
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Zwischen den Kaufpalästen gibt es nur unscheinbare Eingänge in diesen größten Umschlagplatz der Tokioter. In dem die Züge von zehn Eisenbahn- und drei U-Bahn-Linien im Sekundentakt einrollen. Japan Railways allein schleust 1,5 Millionen Passagiere täglich durch den verborgenen Bahnhof. Shinjuku Station gleicht dem Honigpilz Armillaria ostoyae, dem größten lebenden Organismus der Welt, dessen Wurzelverzweigungen über 900 Hektar reichen, mit immer mal einem Pilz, der oben rausguckt. Dieser Bahnhof ist ein Netz von Gängen und Tunneln, Schalterhallen und Kleingewerbe. Ein Irrgarten der Treppen, Rolltreppen und Wege, der Bahnsteige auf verschiedenen Ebenen, der Fahrkartenauto- matenhallen und Schließfachnischen. Man müsste wie Ariadne aus der griechischen Sage einen Faden haben, um wieder herauszufinden aus dem Labyrinth.
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Ein als Geisha verkleideter Musiker fährt zu einer Veranstaltung.
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Fotohandys sind in Japan obligatorisch
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Aber diesen Faden gibt es ja heute, es sind die Schilder. Nur leider kann ich viele nicht lesen. So kommt es, dass ich selbst nach drei Tagen Erkundung vom Bahnhof hereingelegt werde. Ich will den Bus zurück zum Hotel nehmen und denke: da lang, die Treppe rauf, dahinten runter und um die Ecke, Ausgang, dort muss die Haltestelle sein. Aber dann bin ich verloren. Ernüchternde Erkenntnis beim Blick auf den Plan: Ich stehe genau auf der gegenüberliegenden Seite. Auch auf den Fahrkartenautomaten kann ich nichts lesen - jedenfalls meistens. Nur an wenigen sind die Fahrtziele in lateinischer Schrift angegeben. Aber dann ist es einfach. Neben dem Fahrtziel steht der Preis, Geld einwerfen, die entsprechende Preistaste drücken, Wechselgeld gibt es natürlich auch. Nur ist es ratsam, an dem Automaten der richtigen Bahngesellschaft seine Karte zu kaufen - sonst wird sie von der Zugangsschranke nicht akzeptiert. Und man riskiert einen Auffahrunfall, weil von hinten wieder Leute drängen, die bessere Karten haben. 60 Ein- und Ausgänge besitzt Shinjuku Station. Ständig führen Abzweigungen in die Unterwelt der Bahnen: Maronouchi Line, Oedo Line, Shinjuku LineJR Line, Odakyu Line, Keio Line, Keio New Line, Seibu Line. In der Rushhour fährt die Chuo Line alle zwei Minuten. Zum Wecken der Eingeschlummerten erklingt eine Abfahrterkennungsmelodie. Alle zwei Minuten und 30 Sekunden startet dieYamanote-Ringlinie mit einer anderen Melodie. Ungern nur mit einer Sekunde Verspätung. Man ist da eigen in Japan. Bahnhofsvorsteher Isao Matsumoto sagt, man müsse so pünktlich sein, weil sich sonst zu viele Menschen auf dem Bahnsteig drängen. Aber Verspätungen kommen vor. ,,Ein paar Mal im Jahr gibt es hier Selbstmorde", so Matsumoto. ,,Wenn jemand vor einen Zug springt, dauert es weniger als 30 Minuten, bis der Verkehr wieder regulär rollt.”
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Dass in diesem Bahnhof so viel Betrieb ist, liegt an seiner Lage. Shinjuku ist das Tor ins eigentliche Tokio für alle aus den ausgedehnten westlichen Vororten kommenden Arbeiter und Angestellten. Shinjuku Station ist der Verteiler für die Eisenbahn- und U-Bahn-Verbindungen in die diversen Teile der Riesenstadt. Rund 30 Millionen Menschen leben im Großraum Tokio, von denen die meisten jeden Tag irgendwo hin wollen.
Mit dem Auto ist das nicht zu bewältigen. Tokio ist abhängig von einem funktionierenden Bahnsystem. Und es funktioniert tatsächlich, auch weil die Reisenden höflich und wohl erzogen sind, alles gut organisiert und sauber ist.
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Damit der Fahrgastwechsel schneller geht, haben die U-Bahnwagen in Tokio oft mehr Türen als Europäische Wagen.
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Der Stadtteil Shinjuku selbst ist das Ziel Zehntausender von Pendlern. Hier befindet sich westlich vom Bahnhof das monumentale Rathaus Tokios mit 296 Metern höchstes Gebäude der Stadt, ausgestattet mit einer fabelhaften und kostenlosen Aussichtsplattform im 45. Stock. Daneben steht eine Reihe weiterer der in Tokio seltenen Bürowolkenkratzer, denn die Stadt steht auf wackeligem Erdbebengrund. Östlich vom Bahnhof befindet sich der kleinteilige, verwinkelte Stadtteil Kabuki-cho, der ungefähr der Reeperbahn Hamburgs entspricht. Hier gibt es Bars und Kneipen. An- und Verkauf, Fastfood und edle Restaurants, Spielhallen mit den neuesten Hightech-Geräten, Karaoke-Bars, Sexshops, Sexshows, Love-HoteIs, aber es gibt auch Theater und Kinos und wer hatte anderes erwartet - große Einkaufszentren und Warenhäuser. Außer Bahnfahren kann man in diesem Bahnhof natürlich eine Menge mehr. Da sind Stehcafes, Suppenshops, Zeitschriftenläden, Apotheken, Boutiquen, Krawattenkioske, Regenschirm Verkäufer. Dann gibt es feinste Patisserieläden mit teuren De-Luxe-Törtchen und internationalen Pastetchen, elegante japanische Nachspeisen und grüne Nobeltees. Die andere Seite der Medaille kommt nachts, von 0.30 Uhr bis 4.30 Uhr. Dann sind Tokios Bahnhöfe auch ein Auf- fanglager für das Heer der Obdachlosen, die sich in ihren Pappkartons verkriechen. Am l. März wurde Shinjuku Station 120 Jahre alt. Die Pendler werden weiterhin immer brav und diszipliniert in den Schlangen auf den Bahnsteigen warten und geduldig den Melodien der ein- und ausfahrenden Züge lauschen. Und manche Touristen werden wie Treibgut durch die Hallen und Gänge irren und sich vorkommen wie Heringe im Schwarm, im versteckten größten Bahnhof der Welt. Text: Bernhard Schmidt
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Quelle:
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Mit freundlicher Genehmigung Redaktion mobil, G+J Corporate Media Hamburg
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